Schon vor Sonnenaufgang ist viel Betrieb auf dem Hahnplatz vor dem Regino-Gymnasium an jenem Freitagmorgen, dem 14. Mai 2010: Scharen von Kindern, genau 42 an der Zahl, aber auch deren Geschwister und Eltern und einige Lehrer (Frau van der Graaf, Herr Leineweber und Herr und Frau Meux) begrüßen sich freudig erregt, denn heute ist Abfahrt nach England, genau gesagt nach Wells in der Grafschaft Somerset. Endlich ist das – viel zu umfangreiche – Gepäck verstaut und die Eltern schauen spätestens jetzt etwas wehmütig drein, denn ihre Kinder werden eine ganze Woche lang von einer anderen Familie, weit weg, betreut werden. Der Bus fährt ab und Jubel bricht aus im Bus: England, wir kommen! Es ist eine lange Fahrt bis zum Ziel mit einigen Etappen.
Zunächst bringt der Reisebus die Gruppe nach Calais zum Fährhafen. Die Kinder staunen: Die Autofähre ist wirklich so riesig, wie sie zuvor von den Lehrern beschrieben wurde. Minutenlang müssen die Fußpassagiere sich über die Gangway auf das Passagierdeck aufwärts quälen. Na endlich, die 42 Kinder belegen eine ganze Aufenthaltszone mit Beschlag. Leinen los und jetzt geht die Fahrt übers Meer. Man merkt jedoch kaum eine Schiffsbewegung, denn der Ärmelkanal zeigt sich an diesem Tag von seiner zahmen Seite – zum Glück! Große Begeisterung macht sich breit, als wir uns den weißen Felsen von Dover nähern, die im Licht der Mittagssonne besonders imposant wirken. In Dover geht die Reise mit einem englischen Bus weiter. Die Kinder gewöhnen sich schnell daran, auf der „falschen“ Seite in den Bus einzusteigen und das Ess- und Naschverbot in englischen Bussen einzuhalten. Die Fahrt führt im weiten Bogen südlich um London herum und dann in fast direkter Linie nach Westen. Plötzlich ein Raunen im Bus: Stonehenge. Wir fahren ganz nah an den weltberühmten Steinen vorbei und haben vom Bus aus eine gute Sicht auf diese Sehenswürdigkeit. Jetzt sind wir schon fast in der Grafschaft Somerset. Pünktlich um 18 Uhr Ortszeit kommen wir an der Wells Cathedral School an. Die Gasteltern sind schon abholbereit postiert und in kürzester Zeit sind alle 42 Kinder aus Prüm in gute Hände übergeben. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer, nämlich die Ankunft in den Gastfamilien.
Am nächsten Vormittag treffen sich die Kinder aus Wells und die Prümer zu einem Workshop, der mit Kennenlernspielen, Musikunterricht und „drama class“ – Theaterunterricht – viel zu schnell vorbeigeht. Am Nachmittag haben sich die englischen und deutschen Lehrer verabredet, um in Zweierteams die Gastfamilien zu besuchen: für die Lehrer eine spannende Aufgabe, nicht nur, weil selbst mit Navi das Auffinden der Häuser sich als äußerst kompliziert erweist, sondern auch, weil sich die Familien und die Kinder wirklich auf diesen Besuch freuen. Alle am Austausch Beteiligten sind äußerst zufrieden und haben sich schon nach einem Tag eingelebt – ein kleines Wunder, wie toll sich Kinder in einer fremden Umgebung zurechtfinden und wie bereitwillig Gasteltern ihre Häuser und Herzen für fremde Kinder öffnen! Dies ist immer wieder eine großartige Erfahrung bei unseren Austauschfahrten nach Wells.
Für den Sonntag, 16. Mai, war ein Familienausflug mit Picknick nach Glastonbury Tor geplant, jenem eigenartig kahlen Kegelberg mitten in einer Ebene, wo der Sage nach das Avalon von König Artus war. Doch der legendäre englische Regen lässt diesen Programmpunkt ins Wasser fallen.
Am Montagmorgen können die deutschen Schülerinnen und Schüler zum ersten Mal erleben, wie in England Schule funktioniert: auf dem Schulhof in Reih und Glied aufstellen, dann auf ein Zeichen schweigend in die Assembly Hall gehen, wo man sich – immer noch schweigend – auf den Fußboden setzt. Die Lehrerschaft defiliert danach auf das Podest an der Stirnseite des Saales. Der Headmaster spricht eine kurze Begrüßung bei der alle stehen; es folgt das gemeinsame Singen eines Kirchenliedes. Alle dürfen sich nun setzen, denn an diesem Morgen spielt eine neunjährige Schülerin zwei Stücke auf ihrer Harfe vor. Die Kinder lauschen gebannt, die deutschen Lehrer kommen aus dem Staunen nicht heraus, denn das Vorspiel ist in jeder Hinsicht perfekt. Kaum zu glauben, dass so kleine, zarte Finger so viel Klang erzeugen können. Dann folgt die Begrüßung der deutschen Gäste durch die englischen Schüler; die Deutschen, wiederum, singen ihr einstudiertes Lied vor: „Komm lieber Mai“, ein kleiner Mozartscher Frühlingsgruß. Nun folgen die Berichte der Sportteams über ihr Abschneiden bei den Turnieren am Wochenende – auch Verlierer bekommen Beifall. Verschiedene Lehrer kündigen Programmpunkte der kommenden Woche an, alle beten das „Vaterunser“ und schließlich entlässt der Schulleiter Schüler und Lehrer in den Unterricht. Diese „Assembly“ ist einerseits äußerst formell, andererseits ist dieses „Ritual“ gemeinschaftsfördernd, denn die gesamte Belegschaft der Schule ist versammelt und beginnt gemeinsam die Arbeitswoche; jeder erlebt sich als ein Teil einer Schulgemeinschaft. Die Ruhe und Konzentration des Unterrichtsbeginns überträgt sich auf die Atmospäre in den nun folgenden Workshops, wo die englischen und deutschen Kinder sich gegenseitig kennenlernen und gleichzeitig lernen, gemeinsam zu agieren – trotz der Sprachprobleme, die keine so große Rolle spielen.
Für die deutschen Schülerinnen und Schüler steht nun ein Rundgang durch die Kathedrale und durch das Städtchen Wells auf dem Programm. Zunächst führt der Weg durch „Vicar’s Close“, was als der älteste in dieser Zusammenstellung erhaltene Straßenzug Englands gilt. Hier reihen sich seit dem frühen Mittelalter die Häuser der Chorsänger des Kathedralenchors aneinander und noch heute wohnen hier Angestellte der Anglikanischen Kirche und der Cathedral School. In der Kathedrale selbst beeindruckt die geschwungene Stützstrebe an der Vierung, die den besonderen Charakter der Wellser Kathedrale ausmacht. Die gekreuzten Bögen wirken wie eine moderne und kühne Architekturidee, sie stammen aber aus der Anfangszeit der Kathedrale und sind aus statischen Gründen notwendig und durchaus kein reines Ornament. Die astonomische Uhr mit ihrem stilisierten Ritterturnier, das reichverzierte Chorgestühl , die Kapitelle, die mit ihrem in Stein gemeiselten Bilderreichtum ganze Geschichten erzählen und der imposante Kapitelsaal gehören ebenso zum Rundgang wie das Bestaunen der einzigartigen Fassage der hochgotischen Kirche. Nun geht es an das Erkunden der Stadt mit dem „Bishop’s Palace“, der eigentlich einer mittelalterlichen Burg mit Wassergraben und dicken Wehrmauern gleichkommt, dem „Bishop’s Garden“, dem idyllischen Marktplatz und den gewundenen Straßen des altehrwürdigen Städtchens. Nach einer kurzen Freizeit führt der Weg zurück zur Schule.
Nach dem Vormittagsunterricht sind wir in der Schulkantine eingebucht, die für die deutschen Schülerinnen und Schüler ebenfalls eine neue, ungewohnte Erfahrung darstellt: sich in Reih und Glied anzustellen, höflich das gewünschte Gericht zu bestellen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und das selbst gewählte Essen zu verspeisen ist eine neue Erfahrung. Die Kantine gehört jedoch zu einem der Highlights des Austausches, denn das Essen ist sehr lecker und dazu auch gesund mit viel Gemüse, Obst und Salat. Es ist fast unmöglich, dieses Essen zuhause zu überbieten. Neidisch stellen die deutschen Lehrer fest, dass eine gute Kantine unseren Schulalltag in Deutschland revolutionieren würde und die Lebensqualität der Familien, nicht nur der Kinder, bereichern würde. Vielleicht wäre das Problem der dicken Kinder, die sich aus Hunger mit Naschereien vollstopfen, ein Stück weit gelöst, denn eine solche Kantine zeigt vorbildlich, wie man sich gesund und schmackhaft ernähren kann und soll.
Nach der Mittagspause fahren wir gemeinsam mit den englischen Kindern nach „Wookey Hole“, einem kleinen Freizeitpark, der rund um eine berühmte Höhlengruppe angeordnet ist. Der eigentliche Höhlenrundgang, gespickt mit schauerlichen Hexenmärchen, ist die Hauptattraktion dieses Programmpunkts. Interessant ist außerdem ein Einblick in die Papierherstellung, die von unseren Schülern selbst mit historischen Geräten nachvollzogen werden kann. Ein alter, bunter Kirmeswagen zeugt von den Traditionen der Schausteller. In „Wookey Hole“ gibt es genug zu tun und zu sehen.
Per Bus geht die Fahrt zurück zur Schule, wo auf der Wiese mit Abenteuerspielplatz vor dem Schulgebäude den Schülern ein Getränk und etwas zum Naschen angeboten wird.
Der nächste Programmpunkt findet in der Kathedrale statt. Mittlerweile kennen die Prümer Schüler den Weg dorthin durch „Vicar’s Close“. Im Chorgestühl der Kirche findet seit Jahrhunderten jeden Abend „Evensong“ statt, ein gesungenes Abendgebet verbunden mit einem kurzen Wortgottesdienst. Einige der Austauschpartner/innen unserer Schüler sind Mitglieder des Kathedralenchors, der zu den besten in ganz England gehört. Der hochmusikalische und professionelle Vortrag geistlicher Chormusik des Wellser Kathedralenchors ist einzigartig und tief bewegend. Das erfahren auch unsere Kinder, die sich vorbildlich und diszipliniert in den sehr formellen Rahmen dieses Gottesdienstes einordnen. Immer noch unter dem Eindruck dieser musikalischen Darbietung verlassen wir schweigend die Kathedrale. Dieser erste lange Schultag in England war ereignisreich und fremd und die Erholung in den Gastfamilien ist nun – mittlerweile ist es fast 18.15 Uhr - sehr willkommen.
Wie immer beginnt der Schultag um 9.15 Uhr – so auch an diesem Dienstag, 18. Mai 2010. Die Kinder können ab 8.30 Uhr zur Schule gebracht werden, wo sie von den Lehrern beaufsichtigt werden. Heute wird im Rahmen des Drama Workshop und des Musikunterrichts bis 11.30 Uhr gemeinsam gespielt, gesungen und das Programm für den Abschiedsabend am Donnerstag geprobt.
Die englischen und deutschen Kinder fahren heute an die Küste nach Weston-super-Mare, einem bekannten und beliebten Badeort, wie man ihn in England nicht selten findet: eine weite Bucht mit einem langen Steg ins Meer mit Vergnügungsarkaden, d.h. Spielhallen, dazu der Strand mit Umkleidehäuschen und Uferpromenade und im Ort selbst eine reiche Auswahl an „Fish & Chips Restaurants“. Genau das ist unser Ziel: heute werden wir „fish & chips with salt and vinegar“ genießen, ein Stück englischer Essenskultur, das nun einmal zu einem Besuch des Vereinigten Königreiches gehört., auch wenn die Kalorientabelle es eigentlich nicht zulässt. Einige mögen lieber Würstchen statt Fisch, aber fast allen schmeckt die legendäre Leibspeiße des Inselvolkes recht gut und die Lehrer sind ganz nostalgisch gestimmt: “Als ich zum ersten Mal fish & chips gegessen hab ...“ . Nach dem Essen besuchen wir das kleine, aber feine Aquarium von Weston, wo die Kinder nun den lebendigen Fisch – genau gesagt Rochen – streicheln dürfen. Viel Zeit bleibt nun nicht mehr für’s Strandleben vor der Abfahrt – schade. Wir sind heute recht zeitig wieder an der Schule: um 16 Uhr erwarten die Eltern schon die Kinder an der Schule.
Heute, Mittwoch, 19. Mai, fahren die deutschen Kinder alleine nach Bristol ohne die englischen Gastgeber. Erstes Ziel ist ein Wissenschaftsmuseum, das seinen Besuchern nicht Schaukästen bietet, sondern eine Vielzahl von naturwissenschaftlichen Experimenten zum Selberausprobieren. Das Museum heißt Explore@Bristol und ist einzigartig, denn es bietet Kindern und Jugendlichen, aber auch neugierigen Erwachsenen eine große Auswahl an Möglichkeiten, das eigene Wissen und Können zu erweitern. Wir hatten viel zu wenig Zeit, auch nur annähernd das vielseitige Angebot auszuschöpfen. Der nächste Programmpunkt ist die MS Bristol, das erste Linienschiff aus Metall, das zwischen Bristol und New York pendelte. Jetzt ist es als Museumsschiff aufdockt und zeigt sehr anschaulich das Leben an Bord während einer Überfahrt vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts: Kein Vergleich zum „Traumschiff“ der Fernsehserie.
Donnerstag, 20. Mai, ist unser letzter Tag an der Junior Cathedral School in Wells. Der Tag ist ganz der Probearbeit für den heutigen Abschiedsabend gewidmet, an dem den Eltern ein ordentliches Programm geboten werden soll. Zwischendurch haben die deutschen Kinder Gelegenheit, im Städtchen ein paar Mitbringsel zu kaufen. Diese Gelegenheit zum „Shoppen“ wird weidlich ausgenutzt. Zufällig erfahren wir Lehrer von einigen Geschäftsleuten nur Gutes über unsere Prümer Schüler: sie zeigen ein gutes Benehmen und sind sehr höflich. Wir nehmen das Kompliment dankbar an und geben es an die Eltern weiter!
Der Präsentations- und Abschiedsabend wird ein voller Erfolg; den Eltern macht das Programm offensichtlich Spaß und unsere Kinder (englische wie deutsche) ernten viel Applaus. Gegen 21 Uhr ist auch dieser letzte Programmpunkt zu Ende.
Am Freitag, 21. Mai, in aller Herrgottsfrühe (für englische Verhältnisse ist kurz vor 7 Uhr barbarisch früh!) werden unsere Schüler/innen an den englischen Reisebus gebracht. Nun ist der Zeitpunkt für den tränenreichen Abschied gekommen. Wie im Jahr zuvor, als die deutschen Gasteltern ihre englischen Kinder nur schweren Herzens fahren ließen, so wiederholt sich dasselbe Szenenario an den Toren der englischen Schule: traurige Gesichter und rührende Abschiedsumarmungen, wohin man schaut. „Ich würde gerne noch ein paar Tage oder Wochen hier bleiben“, sagen viele der deutschen Schüler/innen und wischen sich die Tränen weg. Tja, was soll ich dazu sagen. Genau das wollten wir erreichen.
Die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle, von einem Stau bei Brüssel einmal abgesehen. Die deutschen Eltern warteten schon ungeduldig auf ihre Englandfahrer. Zuhause ist es auch schön, aber diese Woche in England ist für die Kinder eine große Bereicherung.
Waltraud Meux